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7 gute Gründe, das deutsche Fernsehen nicht abzuschreiben

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Victor Redman

Wenn ich mich durch die deutsche Fernsehlandschaft zappe, drängt sich der Eindruck auf, dass nur noch Schwiegertöchter gesucht werden, Halligalli gemacht oder der Raab geschlagen wird. 

Während andernorts das goldene Zeitalter des Qualitäts-Fernsehens angebrochen ist, scheint Fernsehdeutschland noch Dornröschenschlaf zu halten. Aber es gibt sie, die versteckten Schätze!

Diese Serien sind 7 gute Gründe, das deutsche Fernsehen noch nicht abzuschreiben:

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1. Verbrechen/Schuld

Die sechsteilige Anthologie-Reihe Verbrechen beruht auf einer Kurzgeschichten-Sammlung des Anwalts Ferdinand von Schirach und erzählt von teils sehr skurrilen Straftaten. Gleiches gilt für die Mini-Serie Schuld, die vom selben Team nach demselben Konzept produziert wurde und eigentlich als zweite Staffel zu Verbrechen durchgehen könnte.

In Verbrechen und Schuld geht es nicht darum, die Täter zu überführen, sondern zu zeigen, warum sie überhaupt zu Tätern wurden. Gleichzeitig werden auch Grauzonen des deutschen Rechtssystems beleuchtet. Dabei will die Serie weder entschuldigen noch brandmarken.

Mein Geheimtipp: „Notwehr“, die sechste Folge von Verbrechen, in der ein unscheinbarer Herr mittleren Alters zwei Neo-Nazis mit überraschend gezielten Schlägen hinrichtet.

Verbrechen und Schuld gibt es in der ZDF-Mediathek zu sehen.

2. Der Tatortreiniger

Im Traditionskrimi Tatort sehen wir den titelgebenden Ort des Verbrechens meist nur kurz, ehe die zuständigen Kommissare die Ermittlungen aufnehmen. In der Comedy-Serie Der Tatortreiniger erleben wir, was passiert, nachdem die Leiche abtransportiert wurde und die Polizei gegangen ist: Dann ist es an Reinigungskraft Heiko Schotte, den Ursprungszustand wieder herzustellen.

Dabei trifft er unter den Nachbarn und Angehörigen der Opfer bizarre Gestalten und gerät in skurrile Schlamassel, die mehr Spaß machen als eine auf Relevanz getrimmte Tatort-Folge. 

Der Tatortreiniger kann über Amazon oder Netflix gestreamt werden.

3. Im Angesicht des Verbrechens

Ja, der Titel mag behäbig sein, das tut aber der Serie keinen Abbruch. Gebeutelte Polizisten, korrupte LKA-Beamte, russische Banden und ukrainische Zwangsprostituierte spielen die Hauptrollen in dieser zehnteiligen Krimi-Reihe aus dem Jahr 2010. In verschiedenen Handlungssträngen werden die Schattenseiten Berlins detailliert und schonungslos in Szene gesetzt, um schließlich im Serienfinale aufeinander zu prallen.

Wäre Im Angesicht des Verbrechens eine US-Produktion mit entsprechendem Werbebudget und Platzierung, würden wir die Serie womöglich in einem Atemzug mit den Sopranos oder True Detective nennen. 

Von der vergleichbar starken Qualität kannst du dich auf Netflix überzeugen.

4. Weissensee

Die ARD-Serie erzählt vom Leben zweier Familien im Ostberlin der achtziger Jahre. Die parteitreue Familie Kupfer und die systemkritischen Hausmanns scheint zunächst nichts zu verbinden. Das ändert sich jedoch schlagartig, als Kupfers Sohn Martin und Hausmanns Tochter Julia sich ineinander verlieben.

Der Klassiker Romeo und Julia funktioniert auch in der DDR und gewinnt gerade durch das historische Setting an Atmosphäre und Spannung. Im Gegensatz zu den Protagonisten wissen wir, wie sich die deutsche Geschichte entwickelt; die Frage ist, inwieweit sie die beiden Familien beeinflussen wird. 

Wer The Americans oder Mad Men mag, sollte Weissensee definitiv eine Chance geben. Auch diese Serie läuft auf Netflix.

5. Weinberg

Ein Mann erwacht ohne Gedächtnis in einem Weinberg. Neben ihm: eine Frauenleiche. Und von da an wird es immer seltsamer.

Mystery, Sci-Fi und Fantasy aus Deutschland hatten es im Fernsehen schon immer schwer. Weinberg, ein Sechsteiler aus der Produktion des Pay-TV-Senders TNT, beweist, dass es funktionieren kann. Die Serie ist düster, geheimnisvoll und atmosphärisch dicht, ohne dabei verwirrend oder unglaubwürdig zu wirken. Vor großen Brüdern wie American Horror Story oder Wayward Pines braucht Weinberg sich nicht zu verstecken.

Die Serie läuft auf TNT und kommt 2016 auf Vox ins deutsche Free-TV.

6. Club der roten Bänder

Vox kann mehr als Goodbye Deutschland oder Das perfekte Dinner, und auch das deutsche Fernsehen ist zu sensiblen Gratwanderungen imstande. Diese erfreulichen Erkenntnisse verdanke ich dem Club der roten Bänder. 

In der neu gestarteten Krankenhaus-Sitcom sind Ärzte und Schwestern nur schmückendes Beiwerk; die Hauptrolle spielt eine Gruppe jugendlicher Patienten, die trotz niederschmetternder Diagnosen entschlossen sind, das Beste aus ihrem Leben zu machen. 

Auf Twitter gab es unter dem Hashtag  #CdrB Lob für den Piloten, Kritiker zeigten sich begeistert und auch die Quote stimmt. Schön zu sehen, dass das im deutschen Privatfernsehen möglich ist. 

Der Club der roten Bänder läuft aktuell am Montagabend auf Vox.

7. Deutschland ‘83

Auf dem Höhepunkt des kalten Krieges wird ein DDR-Grenzsoldat als Maulwurf in die deutsche Bundeswehr eingeschleust und lebt von da an unter Feinden. Mit einer spannenden Prämisse, vielschichtigen Charakteren und einem straffen Handlungsbogen braucht Deutschland ‘83 die internationale Konkurrenz nicht scheuen.

Die achtteilige Event-Serie hatte auf der diesjährigen Berlinale Premiere und kam dort so gut an, dass der amerikanische Sender Sundance TV sich prompt die US-Ausstrahlungsrechte sicherte. 

Deutschland '83 startet am 26. November auf RTL. 

Der Blick in deutsche Produktionen kann sich bei aller berechtigten Lamentiererei zuweilen also wirklich richtig lohnen!

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Titelbild via Pixabay

Dieser Artikel ist Teil unseres Ressorts Couching, in dem sich alles um Serien, Filme, Games und dein geliebtes Sofa dreht! So wie in diesen Artikeln: