TV-Tipps: Schneewittchen, einfach mal die Schnauze halten!

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Jens Wiesner

Unsere TV-Tipps vom 5. Oktober bis 11. Oktober von Jens Wiesner

Ich kann‘s nicht mehr hören, dieses elitäre „Ich habe ja keinen Fernseher mehr“-Getue. Bullshit! Im TV laufen richtig geile Sachen. Man muss nur tief graben. Here you go:

Blancanieves

Montag,  5.10., um 21:50 Uhr, Arte (Wdh.: in der Nacht vom 15. auf den 16.10. um 1:10 Uhr)

Ein Stummfilm? In Schwarzweiß? Klar, du könntest jetzt ächzen und zurück zu Germany’s Next Pudelfriseur zappen. Problem: Du verpasst die beste Schneewittchen-Story seit der Erfindung des tschechoslowakischen Märchenfilms. Die Zwerge ackern hier nicht mit der Spitzhacke, sondern ziehen als fahrendes Schau-Stierkämpfervolk durchs Land. Und Schneewittchen, die hier Carmencita heißt, wird als feurige Matadora zum Star der Truppe.

Wer sich jetzt an Brownings „Freaks“ erinnert fühlt, liegt gar nicht mal falsch. „Blancanieves“-Macher Pablo Berger hat verstanden, dass Märchen grausame Geschichten sind. Erwachsene sehen das nicht mehr, aber Kinder kennen den Horror, der diesen Erzählungen innewohnt: die Angst, von der eigenen Familie verstoßen zu werden. Die Furcht vor dem Alleinsein. Die Anziehungskraft, die das Fremde ausübt. Berger findet dafür beeindruckende Bilder: Harte Schatten zerfurchen die Szenerie, legen sich düster aufs Gemüt, bis die Stimmung wieder ins Weiße, Heitere, Unbeschwerte kippt.

Dumm nur, dass dieser andere Stummfilm in Schwarzweiß Berger die Oscars vor der Nase weggeschnappt hat. Als „Blancanieves“ 2011 gedreht wurde, juchzten die Kritiker in Cannes schon über „The Artist“. Dabei ist Bergers Film der bessere von beiden – weniger Feelgood, dafür magischer und ideenreicher.

Dienstag, 6.10.:
Krambamboli um 20:15 Uhr auf 3Sat

Tobias Moretti ist schon wieder auf den Hund gekommen. Statt Rex heißt er diesmal Krambambuli (Prost!), doch diesmal steht er als Wilderer auf der Seite der Bösen. Heimatfilm im Stil eines Italo-Westerns, basierend auf einer Erzählung von Marie von Ebner-Eschenbach. Sieht man in der Kombi auch nicht jeden Tag.

Mittwoch, 7.10.:
Soul Kitchen um 22:30 Uhr, 3Sat

Wenn ein Film die Wirklichkeit inspiriert. Nach den Dreharbeiten zu Fatih Akins Liebeserklärung an die Hamburger Subkultur entstand 2010 in der Soulkitchen-Halle im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg ein großartiger Ort für Kunst, Musik und Kultur, der den Schreiber dieser Zeilen gleich mehrfach verzückte (Konzerte mit Kissenschlacht! Freigeistern-Festival! Beleidigungswettbewerb beim Monkey-Island-Themenabend). Leider wurde auch das Drama um eine drohende Schließung mit in die Realität geholt. Und da gehen Film und Wirklichkeit auseinander – leider: Nach zwei Jahren machte das Bezirksamt den wilden Ort dicht.

Donnerstag, 8.10.:
Die Schuldigen um 1:55 Uhr (nachts), ARD

 Als Regisseur des italienischen Neorealismus-Klassikers „Fahrraddiebe“ hat Vittorio De Sica Filmgeschichte geschrieben. In dieser 1957er Adaption eines Theaterstücks steht er wieder vor der Kamera – als Anwalt, der den Sohn eines Freundes verteidigt, der ein Tankstelle überfallen hat. Einer dieser Filme, von denen man zu Unrecht noch nie gehört hat.

Freitag, 9.10.:
Die Lady aus dem Kino Shanghai um 2:25 Uhr (nachts), ZDF: 

Nein, das hier ist nicht Orson Welles‘ „Die Lady von Shanghai“ aus den 1940ern. Aber dieser brasilianische Thriller verneigt sich ganz bewusst vor dem Noir-Klassiker – und kommt dabei gar nicht mal schlecht weg. 1987 gab’s dafür mehrere Filmpreise, heute ist der Streifen zumindest in Deutschland praktisch vergessen.

Samstag, 10.10.:
West Side Story um 20.15 Uhr, 3Sat:

„I like to be in America / okay by me in America. / Everything's free in America, / for a small fee in America!“ Hand aufs Herz: Ich habe diesen Klassiker des amerikanischen Musicalfilms nie gesehen. Aber den schmissigen Song von Leonard Bernstein kenne ich natürlich – aus dem Englischunterricht. Vielleicht wird es ja diesmal etwas mit mir und der bezaubernden Natalie Wood. Wenn bloß die „Jets“ und Sharks“ nicht dazwischen funken.

Sonntag, 11.10.:
Taxi nach Tobruk um 20.15 Uhr, Arte: 

Hardy Krüger kenne ich ja nur noch als Typen, der mir in den Werbepausen VHS-Dokus über Raubtiere andrehen wollte. Weit vor meiner Zeit war der Gute allerdings ein ziemlich patenter Schauspieler, der schon mit John ‚Alpha-Kinn‘ Wayne vor der Kamera stehen durfte. In diesem Antikriegsfilm von 1960, der zur Zeit des Zweiten Weltkriegs spielt, stranden französische Soldaten mit ihrem deutschen Gefangenen (Krüger) in der libyschen Wüste. Heute wirkt die Geschichte um Feinde, die zu Freunden werden, sicher etwas vorhersehbar und simpel gestrickt. Scheiß drauf. Die Botschaft ist in dieser verkorksten Welt nötig wie eh und je.

Ihr habt viel bessere TV-Tipps? Immer her damit! Meine Augen sind noch nicht viereckig genug: @TheMamahuhu

Netflix? Zeige deinen Freunden, was sie im TV verpassen!

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Titelbild via Blancanieves

Dieser Artikel ist Teil unseres Ressorts Couching, in dem sich alles um Serien, Filme, Games und dein geliebtes Sofa dreht! So wie in diesen Artikeln: